E-Books und die Zukunft des Lesens

Arndt Niebisch, MA PhD

E-Books und die Zukunft des Lesens

War es vor einigen Jahren noch beschwerlich Bücher mit in den Urlaub zu bringen und notwendig eine wohl überlegte Auswahl zu treffen, so haben E-Books und die dazugehörigen Reader es nun sehr einfach gemacht, ganze Bibliotheken mit auf die Reise zu nehmen. Unzählige E-Books passen auf jedes beliebige Lesegerät und können selbst auf dem Handy gelesen werden. Die Frage, die nun am Ferienort aufkommt, ist nicht ob gelesen wird, sondern vielmehr welches Buch denn überhaupt gelesen werden soll. Trotz Unkenrufen, die mindestens seit der Erfindung des Kinos ein Ende der Lesegesellschaft ankündigen, zeigt dieses Beispiel, dass das Lesen auch in (oder gerade wegen) einer neuen Medienwelt eine Zukunft hat. Was unter den neuen Bedingungen unserer digitalen Kultur in Frage gestellt wird, ist nicht das gelesen wird. Lesen erlebt vielmehr eine Renaissance, und es gibt Studien wie den Kids&Family Reading Report (http://mediaroom.scholastic.com/kfrr), die nahelegen, dass Kinder und Jugendliche seit dem Aufkommen der E-Books wesentlich mehr und häufiger lesen. Was dieses „Lesen“ ist, verändert sich unter dem Einfluss der digitalen Medien allerdings entscheidend.

Was verändert sich am Lesen?

Ein Blick in die Geschichte macht deutlich wie konstant die Menschheit gelesen und geschrieben hat. Lesen ist eine uralte Kulturtechnik, die wie etwa der Ackerbau integraler Teil unserer Zivilisation ist. Dass das „Lesen“ in der agrarischen Tätigkeit der Wein-„lese“ wiederzufinden ist, kann als Hinweis auf diese tiefe historische Verbindung verstanden werden. Etymologisch ist „Lesen“ (von dem lateinischen „legere“ für sammeln, auswählen, lesen) eine Tätigkeit bei der Dinge, Symbole, Zahlen und Zeichen aufgelesen, ausgesucht und zu einem Sinn verknüpft werden. Diese Tätigkeit des Lesens und Schreibens hat die Menschheit über Jahrtausende beibehalten (auch wenn sie oft nur auf besondere Gesellschaftsschichten wie Buchhalter, Priester und Magier beschränkt war). Die weite gesellschaftliche Verbreitung des Lesens, die wir heute kennen, entwickelte sich allerdings erst im achtzehnten Jahrhundert mit der Aufklärung. In diesem Zeitalter wurden langsam breite Volksschichten alphabetisiert und das Lesen war nicht mehr primär ein lautes Vorlesen für eine gesellige Gruppe, sondern wurde vermehrt zu einer stillen zurückgezogenen Praxis. Lesen feierte seinen massenmedialen Durchbruch zum Anfang des neuzehnten Jahrhunderts;  die Zeit, in der sich der moderne Roman entwickelte, und mit ihm der moderne Buchmarkt entstand, der die ökonomischen Voraussetzung der gegenwärtigen Lesegesellschaft bildete.

Diese mediale Dominanz des Lesens wurde dann im neunzehnten Jahrhundert immer weiter ausgebaut, bis seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts diese Position des Lesens immer wieder von neuen Technologien angegriffen wurde. Besonders deutlich haben Unterhaltungsmedien wie Film, Radio, Fernsehen aber auch Computerspiele die kulturelle Bedeutung des Lesens herausgefordert. Trotz all dieser Warnungen und Angriffe ist das Lesen jedoch geblieben und es hat sich mit dem Internet sogar ein Medium herausgebildet, in dem mehr geschrieben und gelesen wird als je zuvor.

Das E-Book und das neue Lesen

Das E-Book ist ein Zeichen dieser Veränderung. Das E-Book verändert das was ein Buch ist und hat vielleicht so viel (wenn nicht weniger) mit einem Buch gemeinsam wie ein Auto mit einer Kutsche. Die Nostalgie bspw. bei der Software ibooks, die die Dateien der E-Books graphisch als Bücher in Regalen abbildet, erinnert in jedem Fall an die Strategien der ersten Automobilhersteller Autos wie Kutschen aussehen zu lassen.

Ein Moment der Nostalgie kann hier auch nicht schaden, um sich deutlich zu machen, dass Lesen eben nicht nur ein Prozess der Informationsbeschaffung ist. Lesen ist eine Tätigkeit, um die eine ganze Kultur gewachsen ist. Wir wissen wie Bücher riechen, wie sie sich anfühlen, sie haben ein Gewicht, können auf der Couch oder müssen an einem Tisch gelesen werden. Bibliotheken sind auch nicht einfach Räume, um Bücher zu lagern, sondern Orte des Rückzugs, in denen kein lautes Verhalten geduldet wird. Lesen ist eine beinah monastische Tätigkeit, das Buch aus Papier und Karton ist ein Teil dieses ganzen kulturellen Systems, und der Besitz von Büchern oder sogar einer eignen kleinen Bibliothek ist (noch) ein Zeichen für Wissen und Intellektualität.

Das E-Book verändert nun diese Praktiken fundamental. Es ist ein elektrisches Medium, das seinen Platz nicht im Bücherregal hat, sondern in den Datenbanken von Amazon, Projekt Gutenberg und dergleichen haust. Das E-Book ist kein Objekt wie ein Buch, es hat kein Gewicht und keine Maße, es hat vielmehr eine bestimmte Zahl von Bytes. Fragen Sie einmal eine Buchhändlerin, wo in der Buchhandlung die E-Books zu finden sind—eigentlich müsste sie Sie auf die Datenwolke des Internets verweisen und wird Ihnen wahrscheinlich die Lesegeräte zeigen, die in der Tat noch als physische Objekte in Buchhandlungen zu finden sind. Aber auch diese Lesegeräte sind wohl nur ein Übergang, und werden vom Universalmedium Handy abgelöst werden.

Wenn man nun auf die E-Books schaut, so sieht man, dass das Versprechen eine ganze Bibliothek in einer Hand halten zu können, eines der zentralen Träume der digitalen Welt ist. Amazon annonciert für den einfachsten Kindle, dass dort bis zu 1400 Bücher Platz finden. Was an dieser Werbestrategie deutlich wird, ist dass das E-Book nicht mehr als ein Objekt mit einer physischen Ausdehnungen verstanden wird, sondern als eine (mehr oder weniger) abstrakte Computerdatei. Auch wenn heutige Speichertechnologie dazu fähig ist ohne Probleme auf E-Reader oder Handys mehr Bücher zu packen als ein Mensch in seiner Lebenszeit lesen könnte, spielt das kaum noch eine Rolle, da E-Books jetzt nicht mehr physisch zu lokalisieren sind sondern als Dateien durch Datenwolken spuken. Das hat aber nicht nur den Effekt, dass man im Prinzip Zugriff auf eine unendliche Menge an Texten hat, die in der „Cloud“ liegen, sondern dass diese Texte als digitale Kopien quasi unzerstörbar und immer zu reproduzieren sind.

Diese Unzerstörbarkeit des E-Books unterscheidet es entscheidend vom Papierbuch. Das E-Book hat als eine Datei keine physische Greifbarkeit, keinen Körper. Dieser Mangel bringt gewaltige Vorteile mit sich. Das E-Book kann gerade aufgrund dieser Körperlosigkeit sehr einfach kopiert und vervielfältigt werden. Die (im Vergleich zur digitalen Technologie) teure und langsame Zirkulation durch die Druckerpresse wird ersetzt durch eine neue unmittelbare Verfügbarkeit. Diese Körperlosigkeit wird auch davon begleitet, dass Anstreichungen, Kommentare und Eselsohren nicht mehr Teil des Buchs werden.  Man schreibt nicht mehr „in“ Bücher hinein, sondern kommentiert sie. Die Anmerkungen und Anstreichungen, die man in E-Reading Software machen kann, sind nicht mehr auf den schmalen Streifen des Buchrands beschränkt, sondern können zu eigenen ausführlichen Texten werden, die dann auch ohne Probleme kopiert und geteilt werden können.

Das Lesen von E-Books hat somit neue Funktionen, Modalitäten und Möglichkeiten. Während man bei einem Buch aus „Fleisch und Blut“ unmittelbar  an Gewicht und Dicke sehen konnte, wie weit man in den Text eingedrungen war, steht man bei einem E-Book vor einer quasi immer gleichbleibenden Oberfläche.  Die „Seiten“ bleiben nicht stabil wie bei einem Buch, sondern verändern sich je nach Schriftart und -größe. Das bestimmt das Verhältnis des Lesers zum Buch entscheidend, sind es nicht mehr die topographischen Größen von Seite und Zeile, die die Orientierung im Text bestimmen, so wird der Text nun durchsuchbar und Textstellen direkt zugänglich durch diese Suchfunktion. Texte werden zunehmend nicht mehr als lineare Objekte betrachtet werden, die man von Anfang bis Ende lesen muss, sondern zu Datenbanken, aus denen man Informationen fischen kann.

E-Books und das neue Schreiben

Es ist klar, dass alle diese Faktoren nicht nur die Praktiken des Lesens verändern sondern auch maßgeblich das Schreiben von E-Books beeinflussen. Die Kopierbarkeit und fehlende Materialität des E-Books hat zur Folge, dass die Produktionskosten radikal sinken. Jeder, der ein Buch geschrieben hat, kann auch ein Buch produzieren und vertreiben, ohne die Kosten für Druck und Satz aufbringen zu müssen. Auch spielt es keine Rolle mehr ob ein Buch 30 oder 3000 Seiten lang ist, die Einbindung von Grafiken macht auch keine Probleme und es wird zunehmend möglich Audio- und andere Multimedia-Dateien einzufügen.

Sicherlich haben diese Entwicklungen ihre offensichtlichen Schattenseiten. Wer will den Überblick über all diese E-Books behalten und was soll man mit einem Buch mit 10000 Buchseiten anfangen? Hat man wirklich die Lust und Zeit das alles zu lesen? Diese Kritik ist aber noch durch die Vorstellung von einem Papier-Buch geprägt. Diese Informationsflut kann nicht mehr so gedacht werden, dass die in ihr enthaltenen Texte systematisch von vorne nach hinten durchgelesen werden sollen.  Die Suchfunktion wird zunehmend nicht nur eine Hilfe beim Lesen von E-Books sein, sondern die Vorrausetzung  unserer Lesepraxis. Bücher liefern nicht mehr ein lineares Narrativ, sondern werden zu einem Behälter von zahllosen Informationen, die dynamisch von ihrem Nutzer bedient werden können.

Das klassische Lehrbuch, das wir aus der Schule kennen, ist in gewisser Weise der Prototyp des E-Books. Ein Lehrbuch besteht aus verschiedensten Teilen und Elementen, bspw. gibt es in einem Sprachlehrbuch die Lektionen, Übungstexte, Grammatikübersichten, Vokabelverzeichnisse etc. Die große Schwäche des Lehrbuchs war die Beschränkung durch das Medium Buch auf einen bestimmten Seitenumfang. Als E-Book kann ein Lehrbuch progressiv ausgedehnt werden, es ist technisch einfacher und ökonomisch machbarer geworden, ständig neue „Auflagen“ zu produzieren. Man kann Fragen und Interessen von Schülern einbeziehen, Zusatzmaterial ansammeln, verschiedene Optionen anbieten das Material zu erarbeiten. Das E-Book ist somit kein Produkt, das irgendwann fertig ist, sondern ein Organismus der ständig wächst. Das Schreiben von Büchern wird sich zunehmend der Entwicklung von Computerprogrammen mit ihren zahllosen Versionen angleichen. Es kommt hinzu, dass durch interaktive Aktivitäten wie Tests das Buch Rückmeldung über den Leseprozess geben kann, und dies nicht nur um die Fähigkeiten des Lesers zu überprüfen, sondern auch um die Lesebewegung weiter zu steuern. Solche Tests können empfehlen, ob man den Stoff auf dem gleichen Level wiederholen oder in eine andere oder schwierigere Materie einsteigen soll.

Diese Modelle sind aber nicht nur auf Lehrbücher beschränkt, sondern können auch durchaus bspw. auf Sammlungen von Erzählungen angewendet werden, bei denen der Leser gefragt wird, in welche Richtung sich die Handlung entwickeln soll. Auch hier ist das E-Book kein Objekt, das von vorne nach hinten durchgearbeitet wird, sondern enthält eine Vielzahl von Informationen, die nicht für jeden Leser gleichermaßen relevant sind. Jedes E-Book wird so zu einer Art von Datenbank, die dem Leser eine sehr aktive Rolle beim Lesen zuschreibt.

Lesen ist unter diesen Bedingungen ein Browsen, das eine Vielzahl von Informationen zusammenfügt und man kann davon ausgehen, dass das Lesen immer weniger eine konzentrierte Aktivität für lange Zeit sein wird. Lesen wird wahrscheinlich zu einem Ereignis, das sich im Alltag immer mehr auf dem Handy abspielen wird. Dieses Lesen hat dann die Aufgabe möglichst schnell Informationen zu konsumieren – Filme geben uns die Zeit vor in denen wir sie zu sehen haben –  Texte können wesentlich effektiver „gescannt“  werden und passen deshalb auch in unsere immer schneller werdende Informationswelt.

Annahmen darüber wie sich das Lesen verändert, sind natürlich nur Spekulationen und so wenig sicher wie der Versuch das Wetter des nächsten Sommers vorherzusagen. Der Unterscheid zur Wettervorhersage ist aber, dass wir entscheidend an der Entwicklung von Schreib- und Lesetätigkeiten teilnehmen können. Jedem Buchliebhaber wird es schwer fallen, die geliebten Papierberge zur Seite zu schieben, aber die Digitalisierung wird zu einer neuen Sphäre der Imagination beitragen, in der jeder Leser größere Teilhabe an den Texten hat, die er oder sie liest.

 

Der Autor: Arndt Niebisch

Arndt Niebisch ist Literatur- und Medienwissenschafter und arbeitet als Universitätsassistent an der Universität Wien. Er hat an der Johns Hopkins University, Baltimore mit einer Arbeit über die Störungsästhetik des italienischen Futurismus und deutschen Dadaismus promoviert. Zu seinen Veröffentlichungen gehören sowohl die Edition der technischen und wissenschaftlichen Schriften des Dadaisten Raoul Hausmann als auch zahlreiche Aufsätze zu Autoren wie Kafka, Poe, Jules Verne und zu medientheoretischen Fragestellungen.